Doping im Hörsaal

Um ihre Leistungs- und Aufnahmefähigkeit zu steigern, greifen mittlerweile viele Studenten zu Aufputschmitteln. Ein gefährlicher Trend.

Ihre Hände zittern leicht. Sie ist unkonzentriert. Nervös. Sie schwitzt. Sie hat Angst. Angst, zu versagen. Dem Druck nicht gewachsen zu sein. Den Anschluss zu verlieren. Sie braucht Ritalin. Mit Ritalin ist alles leichter, weil es die Angst zurückdrängen kann. „Wenn ich es nehme, dann kann ich stundenlang durchlernen, nichts lenkt mehr ab, es wird ausgeblendet, existiert nicht mehr. Als wäre man eine Maschine.“ Sarah Peters* ist 22 Jahre alt und studiert Rechtswissenschaften. Sarah Peters ist abhängig. Und sie ist kein Einzelfall.

In einer Studie der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Mainz, die im Januar 2013 veröffentlicht wurde, gaben 20 Prozent der befragten Studenten an, sich mit Koffeintabletten, dem Medikament Ritalin oder illegalen Mitteln aufgeputscht zu haben. Bereits zuvor hatte eine Studie des HIS-Instituts für Hochschulforschung, die das Bundesgesundheitsministerium in Auftrag gegeben hatte, ergeben, dass etwa fünf Prozent der Studenten schon einmal Hirndoping betrieben haben. Dieser Trend birgt nicht nur gesundheitliche und strafrechtliche Risiken, er ist nach Ansicht der Experten auch aus moralischer und bildungspolitischer Sicht höchst bedenklich.

Der Wirkstoff in Ritalin ist Methylphenidat und gehört zu der Gruppe der Amphetamine. Mit Ritalin werden in der Regel Kinder und seit 2011 auch Erwachsene behandelt, die an dem Aufmerksamkeitsdefiziet-/Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) leiden. Es hilft den Betroffenen, sich besser zu konzentrieren und Ablenkungen auszublenden, indem es die Dopamin-Wiederaufnahme hemmt. Dopamin ist ein Botenstoff, der Impulse verstärkt. Zuviel Dopamin bedeutet, dass der Erkrankte ständig durch neue Impulse abgelenkt wird.

Bei gesunden Menschen wirkt Ritalin ähnlich. „Es gibt keine ablenkenden Impulse mehr, keinen Drang herumzulaufen, keine Müdigkeit, kein Verlangen danach, etwas zu essen oder eine Pause zu machen“, erklärt Gerald Hüther, Professor für Neurobiologie an der Universität Göttingen. Ritalin macht leistungsfähiger. Aber nicht in jedem Fall. Denn es macht nicht klüger. „Es hilft nur dort, wo man nur seinen Kopf anstrengen soll, etwa beim Auswendiglernen, nicht aber in kreativen oder musischen Fächern“, fügt der Neurobiologe hinzu. Und Ritalin wirkt nicht bei jedem. Bei Menschen, die auch sonst keine Konzentrationsprobleme haben, ist die Wirkung des Mittels umso geringer.

Das Medikament ist jedoch aufgrund seiner Nebenwirkung umstritten. „Ritalin kann zu Schlaflosigkeit führen, zu aggressivem Verhalten, Nervosität. Auch Angstzustände bis hin zu Depressionen und Suizidgedenken sind mögliche Folgen. In seltenen Fällen kann es sogar zum plötzlichen Herztod kommen“, warnt die Diplom Pharmazeutin Olga Dill. Dennoch sei ihr ein Anstieg der Verschreibungen in den letzten Jahren aufgefallen. Laut dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte orderten deutsche Apotheken im Jahr 2011 knapp 1.800 Kilogramm des Wirkstoffs Methylphenidat – 1993 waren es nur 34 Kilogramm. Ein Anstieg von gut 5.000 Prozent.

Seit 1971 zählt Methylphenidat zu den Betäubungsmitteln. Missbraucht ein gesunder Mensch Ritalin, um sich damit aufzuputschen, macht er sich strafbar. Dennoch zählt die Einnahme von Aufputschmitteln nicht als Täuschungsversuch in der universitären Prüfung. Denn diese bringen keine erhöhte Denkfähig hervor. Sie beeinflussen lediglich die Quantität des Wissens, nicht die Qualität. Ob das Gelernte aber dauerhaft im Gehirn gespeichert werden kann, ist unklar.

Ebenfalls unklar ist, ob Ritalin süchtig macht. Denn bislang gibt es keine Langzeitstudien, wie sich das Medikament auf einen gesunden Menschen auswirkt. Es ist aber möglich, dass jemand, der das Mittel zur Leistungssteigerung eingenommen hat und erfolgreich damit war, das Gefühl bekommt, er brauche Ritalin, um auch weiter erfolgreich sein zu können. „Eine psychische Abhängigkeit ist durchaus möglich“, bestätigt Olga Dill. Auch Sarah Peters hat oft das Gefühl, ohne Ritalin nicht mehr richtig lernen zu können. Sie bekommt das Mittel von einem Freund, woher er es hat, weiß sie nicht, es ist ihr auch egal.

Auch über den moralischen Aspekt macht sich Sarah Peters keine Gedanken. Prüfungsnoten werden nach der durchschnittlich erwartbaren Leistung vergeben. Sie orientieren sich nicht an einem objektiven Maßstab. „Wenn Prüfungskandidaten dopen, verschlechtern sich mittelfristig die Noten derjenigen, die es nicht tun. Das ist ähnlich unfair wie im Sport“, erklärt Moralphilosoph Marcus Willaschek. „Die großen Unternehmen verlangen einen hervorragenden Notendurchschnitt, mehrere Praktika und einen Aufenthalt im Ausland – und das am besten noch bevor man 23 ist. Wie soll das gehen?“ fragt Sarah Peters. Die Anforderungen und der Konkurrenzkampf seien einfach zu groß. Auf Befindlichkeiten anderer könne sie keine Rücksicht nehmen.

Tatsächlich gibt es aber einige Stimmen in der Wissenschaft, die die Einnahme von Aufputschmitteln wie Ritalin zur Leistungssteigerung befürworten. Das Streben danach, sich immer weiter zu verbessern, liege in der Natur des Menschen. Ihrer Ansicht nach hat jeder das Recht, seine Intelligenz und Schönheit zu steigern. Nichts spreche dagegen, es mit Hilfe von Medikamenten zu tun. Selbst wenn diese schädlich sind. Schließlich könne auch Nikotin oder Koffein dem Körper schaden. Gleiches gelte für die Schönheitschirurgie. Da die Intelligenz bei vielen Menschen ungleich verteilt ist, fordern einige Befürworter – im Sinne der Chancengleichheit – sogar eine grundsätzliche Legalisierung von Ritalin.

Der Vorstand beim fzs (freier zusammenschluss von studentInnenschaften) Jan Cloppenburg ist entsetzt über solche Forderungen. Entscheidend ist für ihn aber in erster Linie die Frage, warum immer mehr Studenten zu Aufputschmitteln greifen. Er hält das Hirndoping nur für eine Folge des eigentlichen Problems. „Studenten greifen zu diesen Mitteln, weil sie überfordert sind und Angst haben, sie können den Stoff nicht bewältigen“, erklärt Cloppenburg. Dies sei in den meisten Fällen ein Anzeichen dafür, dass die Anforderungen zu hoch sind. „Mittlerweile ist der Leistungsdruck so gewaltig, dass jeder ständig gestresst und überlastet sein muss, sonst heißt es, man würde nicht ordentlich arbeiten“, stellt Cloppenburg fest. Ein Bildungssystem, das den Menschen so in die Verzweiflung treibt, dass er sich nur durch die Einnahme von Medikamenten behelfen kann, zeige deutlich, dass etwas schief läuft. Ein Mensch, der das hinnimmt und sich dem Leistungsdruck beugt,  macht sich auch nach Ansicht von Gerald Hüther zum Sklaven des Bildungssystems.

Sarah Peters ist das egal. Bildungspolitik interessiert sie nicht. Und auch die rechtlichen und gesundheitlichen Risiken nimmt sie in Kauf. „Wenn ich meine Leistungen und damit auch die Aussichten auf einen tollen Job mit Ritalin steigern kann, dann ist das ein Preis, den zu zahlen ich gerne bereit bin.“

* Name geändert

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