Mal was anderes

Steigender Leistungsdruck, Stress, Konkurrenzkampf. Um psychischen Modeerkrankungen wie Burnout entgegen zu wirken, braucht der Mensch einen Ausgleich. Doch lässt sich der Stress bei einem Afterwork-Malkurs einfach von der Seele pinseln? Ein Selbstversuch.

Es ist hässlich. Es hat blaue, grüne und braune senkrechte Streifen, die sich auf schwarzem Grund zu einem undefinierbaren Grau/Braun vermischen. Das Schlimmste aber sind die drei weißen Kringel darauf. Acht Augenpaare sind auf das Bild der jungen Frau gerichtet, das inmitten der anderen „Kunstwerke“ an der Wand hängt. Betretenes Schweigen. Am Ende des Malkurses können die „Künstler“ erklären, wie sie sich beim Malen gefühlt haben und was sie durch ihr Bild zum Ausdruck bringen wollten. Auch die anderen Teilnehmer können ihre Meinung zum Besten geben. Ich war noch nie gut im Lügen, also sage ich besser nichts, aber Fakt ist, es ist hässlich. Wie das Bild auf mich wirkt? Gar nicht.

Anpassungsstörungen, Depressionen, Burnout. Hohe Arbeitsbelastung, Stress, Leistungsdruck, Überforderung und die Angst zu versagen, aber auch die mangelnde Abgrenzung zwischen Berufs- und Privatleben sind häufig die Ursachen für psychische Erkrankungen. Seit 2004 ist die Zahl der Krankmeldungen allein aufgrund eines Burnouts um 700 Prozent gestiegen. Selbsternannte Experten überschwämmen den Büchermarkt und das Internet mit ihren Tipps für eine erfolgreiche Burnout Prävention. Am häufigsten fällt der Begriff „Work-Life-Balance“. Einen Ausgleich schaffen. Beruflichem Stress entspannter begegnen. Aber wie? Durch Sport. Ich war noch nie ein sportlicher Typ. Durch Musik? Meine Gesangskarriere endete mit einem peinlichen Auftritt meiner Schülerband auf dem Schulfest. Durch Kunst? Eigentlich bin ich ein Mal-Muffel, aber von den drei Möglichkeiten scheint mir die Kunst das geringste Übel. Und so entscheide ich mich für Afterwork-Malerei.

Das Atelier „Himmelsgrün“ befindet sich im Souterrain eines gelbgestrichenen Mehrfamilienhauses im Münchener Westen. Als ich vor dem Haus stehe, bin ich irritiert, es ist unscheinbar, schlicht, schnörkellos, zweckmäßig. Vermutlich sind auch die Wohnungen darin einfach und praktisch geschnitten, ohne einen Hauch von Individualität. Nichts deutet darauf hin, dass sich im Inneren ein Ort der Kreativität und Inspiration verbirgt. Nur die Fenster des Ateliers, die zur Straße gelegen sind, eröffnen einen Blick in diese geheime, irreale Welt.

Als ich das Atelier betrete, begegne ich Jenny, der Atelierleiterin. Ihre mittellangen, dunkelblonden Haare sind leicht gewellt. Sie trägt Jeans und einen dunkelrosa Pullover, darunter ein weiß/schwarz gestreiftes Top. Das Make-Up ist dezent und wird von ihrer weißgerahmten Brille fast überdeckt. Als sie mich begrüßt, ist ihre Stimme weich und angenehm. Ich fühle mich spontan wohl. Das Atelier ist schlicht, auf das Wesentliche beschränkt, „so hat man Raum zum Atmen“, das ist Jenny besonders wichtig. „Ich wollte einen Raum für die Malerei schaffen, der sich außerhalb der gewohnten Umgebung des Menschen befindet“, erklärt Jenny. In der gewohnten Umgebung falle es den Menschen häufig schwer, sich auf das Malen zu konzentrieren, weil es zu viel Ablenkung gebe. Die Wände sind weiß gestrichen und von Rohren durchzogen. Große hängende Lampen spenden helles Tageslicht. Im Hintergrund spielt leise Musik. Die Luft ist stickig und riecht mineralisch, nach Kreide. Auf kleinen Tischen sind Farben, Pinsel, Schwämme und Spachtel verteilt. Im Seminarraum steht ein großer Tisch mit Stühlen. Jenny hat schon alles für den Kurs vorbereitet, kleine Plastikfläschchen mit unterschiedlichen Farben kreisförmig angeordnet.

Der Seminarraum beginnt sich zu füllen. Mir fällt besonders die Frau in grün auf. Es ist die Art, wie sie die Bilder um sie herum betrachtet, die mich in ihren Bann zieht. So als sähe sie durch sie hindurch in eine Welt jenseits meiner Vorstellungskraft. Der Kurs beginnt. Es gibt acht Teilnehmer, sieben Frauen, ein Mann. Offenbar ist Malerei eher Frauensache. Alle Teilnehmer verteilen sich um den Tisch herum und stellen sich kurz vor. Sie sind aufgeregt und neugierig. Viele von ihnen sind zum ersten Mal dabei, manche kommen regelmäßig. Die Frau in grün ist Frederike. Sie kommt oft. „Und ich gehe jedes Mal entspannt nach Hause“, sagt sie mit einem Lächeln in die Runde. Das Alter der Teilnehmer reicht von Mitte Zwanzig bis Sechzig. Die Berufe sind so unterschiedlich wie die Anwesenden selbst. Versicherungsbranche, Architektur, Wohnberatung, Erziehung. Doch sie haben eines gemeinsam: Sie sind stressig.

Auch Jenny hat Erfahrungen mit Stress. Sie war 20 Jahre lang in der freien Wirtschaft tätig, bevor sie sich vor zwei Jahren dazu entschloss, den Beruf aufzugeben: Burnout. „Ich konnte mich nicht mehr mit meinem Beruf identifizieren. Er tat mir nicht gut“, rechtfertigt sie ihren Ausstiegt. Sie habe gemerkt, dass ihre Welt nicht mehr stimmte und beschlossen, ihre Leidenschaft zum Beruf zu machen. „Bei der Malerei geht es nur um den Spaß, um das Ausprobieren, das Spiel mit der Farbe, um Freiheit“, Jennys Augen glänzen, wenn sie von Kunst spricht, ihre Leidenschaft ist echt und mitreißend. Sie lächelt. Ich spüre, wie sehr ihr die Malerei am Herzen liegt.

Meine ersten Versuche mit dem Pinsel scheitern kläglich. Ich male lila und grüne Schnörkel. Vergeblich versuche ich sie mit einem Schwamm zu etwas Schönem zu tupfen. Ich erwische mich dabei, dass ich mich darüber ärgere, dass mein Bild misslingt. Meine Malnachbarin Frederike schlägt vor, einen Spachtel zu nehmen, sie selbst spachtelt blaue und grüne Linien und Wellen auf ihr Papier, malt die Zwischenräume rot aus. Ich bin skeptisch. Malen mit einem Spachtel? Klingt seltsam, aber ich möchte es probieren. Jenny zeigt mir, wie es geht. Sie schüttet grüne und lila Farbe auf das Papier und fährt mit dem Spachtel darüber. Ein abstraktes Muster entsteht.

Wellen, Zickzack, grobe Linien. Ich frage mich, ob sich aus einem Bild auf den Charakter eines Menschen schließen lässt. Auch Frederike ist der Ansicht, dass jeder Maler ein Stück seiner Persönlichkeit in seinem Bild verewigt. Ständig fragt sie: „Wie wirkt das auf dich?“ „Unruhig“, lautet meine Antwort. Sie nickt. Ich habe wohl einen Nerv getroffen. Allerdings sei diese Unruhe kein Ausdruck ihres Gemütszustandes, sondern eher ihrer momentanen Lebensumstände. Ich frage nicht nach, es geht mich nichts an. Sie malt weiter. Immer wieder geht sie ein paar Schritte zurück, um ihr Bild aus der Entfernung zu betrachten. Sie ist in Gedanken versunken, vertieft in ihre Arbeit. Ihre Augen registrieren jede Unregelmäßigkeit und akzeptieren sie. Sie scheint mit sich im Reinen.

Für mein letztes Bild verwende ich Kleister. Ich kippe ihn auf das weiße Papier und verteile mit den Fingerspitzen lila Farbe darauf. Er fühlt sich kühl und glitschig an. Es ist ein ungewohntes Gefühl auf der Haut, aber angenehm. Wenn sich Kleister mit Farbe mischt, verläuft die Farbe. Die Übergänge verlieren ihre Kontur, sie verschwimmen.

Während ich male, merke ich, wie mir die Welt entgleitet. Ich tauche ein in vollkomme Stille, mein Kopf ist leer. Ich bin allein. Nichts existiert mehr, nichts hat eine Bedeutung. Meine Finger gleiten langsam über das Papier. Meine Hände hinterlassen lila Abdrücke. Anfangs ist es mir schwer gefallen, die Gedanken auszublenden. Ich bin ein Mensch mit System, habe immer alles im Griff, immer einen Plan. Sachlich und nüchtern. Ich halte mich an die Regeln. Beim Malen gibt es keine Regeln. Pinsel und Spachtel entwickeln oft ein Eigenleben, das sich nicht kontrollieren lässt. Farben vermischen sich, werden zu neuen Farben, ohne dass man es hätte voraussagen können. Ob sich die Malerei zur Burnout-Prävention eignet, kann ich nur schwer beurteilen. Das dürfte wohl auch von Person zu Person unterschiedlich sein. Aber ich fühle mich freier, entspannter. Und war das nicht das eigentliche Ziel?

Als wir am Ende des Kurses alle unsere Werke begutachten, wird mir klar, dass es letzten Endes keine Rolle spielt, dass das Bild an der Wand hässlich ist. Es muss auch keine bestimmte Wirkung auf jemanden haben. „Viele Menschen setzen sich beim Malen unter Druck, weil ihnen im Hinterkopf leise eine Stimme sagt, ihr Bild müsse perfekt werden“, erklärt Jenny und spricht mir damit aus der Seele. Hatte ich mich nicht selbst zuvor kritisiert? Dabei geht es eigentlich um etwas ganz anderes. Malen soll Spaß machen und die Möglichkeit bieten, sich auszuprobieren, den Alltag zu vergessen und los zu lassen. Das, was dabei am Ende herauskommt, muss nicht perfekt, nicht einmal gut sein. „Perfektion ist das Ende von Kreativität“, schließt Jenny lächelnd ab.

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